Graetz Canzonetta 816

Steckbrief

Modell: Graetz Canzonetta 816

Baujahr: 1959/60

Röhren: ECC85, ECH81, EF89, EABC81, EBC91, 2 x EL84, EM84

Kreise: 6 AM, 10 FM

Anlieferung: Juli 2025

Fertigstellung: Februar 2026

Bänder: LW, MW, KW, UKW 

Gehäuse: Holz

Antennen: Ferritantenne (feststehend), Gehäusedipol

Abstimmung: AM: kapazitiv

                           FM: induktiv

Klangregister: Sprache, Konzert, Stereo, getrennte Bass- und Diskantregler

Link zu rm.org: Canzonetta 816

Reparaturbericht

Dieses Gerät bekam ich von einem Bekannten zur Überholung. Er hatte es aus einem Nachlaß und es war äußerlich wirklich noch in sehr schönem Zustand. Wir haben es mit einem Gerät der gehobenen Mittelklasse zu tun.

Es handelt sich hierbei um ein Gerät mit NF-Stereo. Das war eine Erscheinung der frühen 60er-Jahre, bei der man zwar eine Stereo-Endstufe vorsah, allerdings kein Stereo-Empfangsteil. So konnten also (oft auch nur mit einem Zusatzlautsprecher wie auch hier) Plattenspieler- und Tonbandsignale in Stereo wiedergegeben werden, aber ein Radioempfang war nur wie gewohnt in Mono möglich. Einige Geräte waren für HF-Stereo vorbereitet, bei denen dann nur ein Stereodekoder in eine Fassung gesteckt werden musste, doch dieses hier hat eine solche Option noch nicht. Dafür wartet es mit einer überdurchschnittlichen Musikleistung von 11,2 W auf, sofern man denn einen zweiten Lautsprecher anschließt. Mit zwei EL84 in den Endstufen ergeben sich folglich

2 x 5,6 W, womit die gewöhnliche Leistung eines gemeinen Röhrenradios fürderhin verdoppelt wurde. Interessant ist hierbei allerdings, dass einmal die übliche E(AB)C80 als NF-Vorstufe dient, für den anderen Kanal allerdings eine E(B)C91. Die beiden Kanäle sind also schaltungstechnisch nicht identisch. Um dies zu erzielen wäre eine ECC83 vermutlich die günstigere Wahl gewesen, zumal man die Doppeldiode der EBC91 einfach auf Masse legte und so ungenutzt ließ. 

Grund hierfür ist vermutlich, dass der zweite Kanal ganz offensichtlich nur auf ein vorhandenes Chassis (ich vermute ein Comedia oder ähnliches Modell) aufgepropft wurde. Sämtliche Schaltungskomponenten sind in einem kleinen zusätzlichen Metallgehäuse, das das Chassis nach hinten verlängert, in Freiverdrahtung ausgeführt, das selbst den zusätzlichen Ausgangsübertrager trägt. Man könnte also schon fast von Modulbauweise sprechen.

 

Weit weniger erfreulich war der Umstand, daß es sich um eines der frühen Platinengeräte handelt, wie ich sie so intensiv verabscheue. Auch bei Graetz, wie bei so vielen anderen Herstellern ist es in dieser Epoche nichts ungewöhnliches, dass sich die Leiterbahnen schon vom Trägermaterial ablösen, sobald man den Lötkolben auch nur einschaltet. 

 

Im Gerät fand ich eine EL84 in einer Siemens-Schachtel, die offensichtlich schon in Betrieb war und vermutlich den Platz für ein neueres Exemplar räumen musste. Ich ging davon aus, dass man sich die alte mit einem defekten Koppelkondensator gegrillt hatte. 

 

Wie üblich begann die Arbeit mit dem Ausbau des Chassis aus dem Gehäuse, was hier, wie bei Graetz üblich, durch eine Steckverbindung zum Klangregister in der Schallwand und den Lautsprechern zum Glück recht einfach ist. Anschließend nahm ich eine Reinigung des Chassis vor, das diese dringend nötig hatte. Immerhin war der Staub trocken und nicht festgeklebt.

Die Ausgangssituation war bis auf eine kleine Macke im Gehäuse wirklich sehr gut.
Die Ausgangssituation war bis auf eine kleine Macke im Gehäuse wirklich sehr gut.
Der übliche Dreck aus 60 Jahren bleibt natürlich dennoch nicht aus.
Der übliche Dreck aus 60 Jahren bleibt natürlich dennoch nicht aus.
Die eine Kante ist mal irgendwo angeschlagen worden. Dafür ist der Lack ansonsten wirklich perfekt.
Die eine Kante ist mal irgendwo angeschlagen worden. Dafür ist der Lack ansonsten wirklich perfekt.
Die Innereien vor der Reinigung.
Die Innereien vor der Reinigung.
Die Unterseite mit der Hauptplatine und dem nach hinten verlängerten Chassis.
Die Unterseite mit der Hauptplatine und dem nach hinten verlängerten Chassis.
Die EM84 wirkte nur nicht mehr so richtig frisch...
Die EM84 wirkte nur nicht mehr so richtig frisch...

Ein erster Blick unters Chassis stimmte mich recht hoffnungsfroh. Es gab keine direkt ersichtlichen Verbastelungen und die Platine war um die Endröhre nicht so knusprig, wie ich das bei anderen Geräten schon gesehen hatte. Natürlich gab es wie üblich einige der berühmt-berüchtigten ERO100 und ein paar Elkos, die zu tauschen waren. Eindrucksvoll war allerdings eine Ansammlung rund um das Lautstärke-Poti:

Ein Nest aus Isolationsfehlern ;)
Ein Nest aus Isolationsfehlern ;)

Der einzige, nicht zu übersehende Eingriff befand sich auf der Oberseite des Chassis. Dort hatte einmal jemand einen Elko von 32 µF parallel zum Ladeelko geschaltet, vermutlich um dessen Kapazitätsverlust und dadurch bedingtes Brummen zu beseitigen. Auch dieser hatte sein Innenleben bereits erbrochen, sodaß ich ihn ersatzlos beseitigte. Eine schnelle Prüfung des alten Bechers ergab am Komponententester ein ausreichend gutes Testbild, daß ich damit einen Probelauf wagen konnte.

Der nachgerüstete Elko.
Der nachgerüstete Elko.
Von oben sah das Schätzchen dann bereits deutlich weniger appetitlich aus...
Von oben sah das Schätzchen dann bereits deutlich weniger appetitlich aus...
Eine besondere Augenweide sind dafür immer die Stecker der Graetz-Geräte.
Eine besondere Augenweide sind dafür immer die Stecker der Graetz-Geräte.
Das Seil auf einem Bild von vor der Zerstörung. Es handelt sich um das geringelte, das von der Drehko-Seilscheibe ins Variometer mündet.
Das Seil auf einem Bild von vor der Zerstörung. Es handelt sich um das geringelte, das von der Drehko-Seilscheibe ins Variometer mündet.

Wie üblich fuhr ich das Gerät testweise am Stelltrafo hoch. Auf Anhieb hatte ich einen klaren und starken Empfang, bereits mit der Vorschaltlampe. Damit wusste ich, was ich wissen wollte: Die AÜs und alles andere war in Ordnung. Was mir aber sofort auffiel: Der UKW-Antrieb war fast gänzlich verharzt. Er ließ sich gerade noch so drehen. In dem Moment, in dem ich diese Feststellung traf, machte es auch schon "Schnipp" und es gab ein zusammenhängendes Skalenseil weniger auf der Welt. Ich fluchte intensiv und langanhaltend ob dieses Super-GAUs.

Zu meiner besonderen Freude handelte es sich nicht um eines der eigentlichen Skalenseile, sondern um ein Seil, das es bei anderen Geräten gar nicht gibt: Statt mit einer Glasstange, einem Doppel-Drehko oder einem ähnlichen Verfahren, erfolgt die mechanische Kopplung zwischen der induktiven Abstimmung des Vorkreises und der kapazitiven Abstimmung des Oszillators im UKW-Tuner hier mit einem Seil. Dieses ist um die Seilrolle des Drehkos gewickelt und trägt auf der anderen Seite den Kern der Abstimmspule. Aufgehängt ist es dann an einer Feder und hat einen aktiven Weg von vielleicht drei Zentimetern, was es sehr fummelig zu ersetzen macht.

Genau das Richtige für eine kleine Spontanreparatur nachts um halb zwei. Ich ging zu Bett.

 

Am nächsten Tag sah ich mir das alles noch mal in Ruhe an. Zunächst sicherte ich alle Teile des zerrissenen Seils. Es handelte sich dabei um die Feder, einen kleinen Haken, die zwei Seilteile selbst und den Abstimmkern, der zum Glück noch intakt war. 

Da die relative Position des Drehkos und des Variometers nur durch die Seillänge und die Position des Kerns auf dem Seil festgelegt ist, konnte ich den Drehko bedenkenlos bewegen, solange ich ich nicht um mehr als 360° drehte, ohne den Gleichlauf des Tuners zu beeinträchtigen. 

So begann ich denn mit der Lösung des ursächlichen Problems: Am liebsten hätte ich die Welle des Drehkos ausgebaut, allerdings war das hier nicht möglich, da der Drehko viel zu verbaut ist. So musste ich versuchen, frisches Öl in die Lamellen der Wellenlagerung hineinzuarbeiten, was zu meiner Freude auf Anhieb gelang. Der Drehko ließ sich wieder sauber bewegen. 

Wie man sieht, ist die Seilführung hier nicht ganz trivial. Die Seilscheibe trägt nicht nur das besagte defekte Seil und das beidseitig geführte UKW-Seil, das kleine Seil ist auch noch um die Drehkowelle herumgeschlungen und wird von dieser aufgewickelt. Somit musste ich die Seilscheibe abnehmen, ohne das UKW-Seil abzunehmen oder auch nur zu entspannen. Außerdem muß man sich die Position der Drehkowelle zur Seilscheibe markieren, da man sonst die Grundeinstellung verliert. 

Ich machte mir also einen Strich und zog die Seilscheibe herunter. Mit einem Schraubendreher hielt ich alles auf Spannung.

Abgenommene Seilrolle. Im Hintergrund sieht man das zerrissene Seil.
Abgenommene Seilrolle. Im Hintergrund sieht man das zerrissene Seil.

Jetzt begann das Spektakel: Ich fummelte die eine Hälfte des alten Seils aus der Seilrolle heraus und konnte jetzt von beiden Teilen zusammen die Gesamtlänge des benötigten neuen Seils bemessen. Mein Vorrat an alten Skalenseilen hatte sogar exakt das passende Seilmaterial zu bieten - wie gut, wenn man nichts wegwirft! Die sonst so kritische Frage nach der ausreichenden Länge war hier unproblematisch. 

Der Abstimmkern war auf dem alten Seil mit einer gequetschten Messinghülse und Sicherungslack befestigt. Ich weitete die Hülse mit einer Zange auf und konnte den Kern herunterziehen. Wichtig war mir, daß im Lack noch der Abdruck der Hülse zu erkennen war. 

 

Nun konnte ich den Kern auf das neue Seil schieben und dieses entsprechend verknoten. Hier kam es nicht auf den Millimeter an, da die Feder den Rest ausgleicht. Die einzig absolut kritische Einstellung ist die Position des Kerns auf dem Seil, folglich also seine Entfernung von dem Seilende, das ins Seilrad eingehängt wird. Diese maß ich exakt ab und quetschte den Kern auf dieser Position fest. Mit dem Sichern durch den Lack wartete ich bis nach dem Probelauf. 

 

Das Einfädeln des Seils kostete mich weitere 90 Minuten, aber ich war am Ende siegreich. Nun konnte ich die Seilrolle wieder aufstecken und festlegen. Zu meiner immensen Erleichterung klappte alles auf Anhieb, sodaß ich den Lacktropfen setzen konnte. Ein Tag Arbeit für nichts und wieder nichts!

 

Ich bitte die mangelhafte Dokumentation zu entschuldigen, aber ich vergaß schlicht, regelmäßig Bilder aufzunehmen. 

 

So konnte es dann an die üblichen Arbeiten gehen. Deren Liste führte der Austausch der alten Kondensatoren an. Leider hat auch Graetz es bei diesem Gerät nicht versäumt, die Anschlußbeine in den Lötösen umzubiegen, was den Austausch in der Freiverdrahtung sehr unleidlich machte. Immerhin herrscht in dem Gerät viel Platz, das hatte ich auch schon weitaus schlimmer erlebt. Auch wenn es hier sehr viele Tauschkandidaten gab, war ich zumindest über die Platine, bei der ich Schlimmes argwöhnte, äußerst positiv überrascht. Sie ließ sich sehr unkritisch löten. Oft heben die Leiterbahnen sich bei diesen frühen Platten schon ab, wenn man sie nur schief ansieht. Hier war dies zum Glück nicht der Fall. 

 

Ein weiteres Problem bestand wie üblich in der aufgelöteten Fassung der Endröhre. Wie bei allen Platinengeräten bekommt sie zu viel Hitze ab. Bei freiverdrahteten Fassungen ist das normalerweise unkritisch, hier jedoch war sie auch schon stark verfärbt aber immerhin noch nicht knusprig...

Hitzeschäden am Pertinax der Endröhrenfassung.
Hitzeschäden am Pertinax der Endröhrenfassung.

Normalerweise tausche ich die Fassungen in diesem Stadium immer aus, um kommenden Problemen vorzubeugen, denn sobald es wirklich richtig verkohlt ist, fängt Pertinax an zu leiten und das Problem kann bis zu ausgeglühten Fassungen reichen. Nun verhielt es sich allerdings leider so, daß ich in meinem Fundus von rund 100 Novalfassungen keine in dieser Bauform vorrätig hatte und bei den anderen passte der Fußabdruck nicht. Da die Fassung den Isolationstest mit 1,2 kV noch bestand, durfte sie bleiben.

Ein weiteres Problem sind an dieser Stelle allerdings Kaltlötstellen auf der Unterseite der Fassung. Da hilft nur Auslöten, Saubermachen und Nachlöten. Hier wurde dieses Vorhaben allerdings durch ungekannte Mengen an Kolophonium vereitelt, die wohl vom Schwalllötprozess zurückgeblieben waren. Die gesamte Ecke der Platine war damit zugekleistert. Sowas hatte ich auch noch nicht erlebt. 

Mit etwas Aceton wurde ich der Lage Herr und konnte die Fassung nach der Bearbeitung mit dem Glasfaserpinsel wieder einlöten. Als ich beim Umdrehen des Chassis an einem Widerstand hängenblieb, löste sich die eine Anschlusskappe ab, sodaß ich auch diesen noch austauschen musste. 

 

Da der Netzteilelko fällig war und ich auch dem Gleichrichter nicht mehr über den Weg traute, tauschte ich beides aus. Hier sah ich von einer Neubefüllung ab, da der Becher drei Elkos enthält, die darin keinen Platz gefunden hätten und es so praktischer war, alle neuen Teile auf einer gesonderten Platine anzuordnen. 

Neue Netzteilplatine.
Neue Netzteilplatine.
Die zwei Winkel aus einem alten Rohde & Schwarz-Gerät ließen eine Befestigung am Chassis zu, ohne neue Löcher bohren zu müsse. So ist der Umbau gänzlich reversibel.
Die zwei Winkel aus einem alten Rohde & Schwarz-Gerät ließen eine Befestigung am Chassis zu, ohne neue Löcher bohren zu müsse. So ist der Umbau gänzlich reversibel.
Unter Ausnutzung zweier vorhandener Löcher konnte die Platine neben dem Netztrafo einen Platz finden.
Unter Ausnutzung zweier vorhandener Löcher konnte die Platine neben dem Netztrafo einen Platz finden.

Im Verlauf der später folgenden Tests kam ich nicht umhin, die beiden großen Elkos noch einmal auszuwechseln, da deren Spannungsfestigkeit mit "nur" 350 V- etwas knapp bemessen war. Beim Einschalten steigt die Anodenspannung selbst mit dem gleich beschriebenen Vorwiderstand kurzzeitig auf 340 V, eine korrekte Netzspannung vorausgesetzt. Das war mir eindeutig zu wenig Luft. Mit zwei 450 V-Exemplaren war das Problem beseitigt.

Auch bei diesem Gerät war das leidige Thema mit der heute erhöhten Netzspannung nicht zu umgehen. Nicht nur, daß die Anodenspannung (die bei diesem Gerät ohnehin schon recht hoch ist) jenseits der 300 V zum Stehen kam, nein, auch die Röhren wurden mit 7,1 V ziemlich überheizt. Allein deshalb musste ich etwas unternehmen, doch wie sich später zeigte, war auch die Erhitzung des Netztrafos selbst ein Problem. Auch bei Graetz neigte man an diesem Punkt nicht gerade zu einer Überdimensionierung. 

 

Bei der Berechnung des nötigen Vorwiderstandes legte ich einen gewünschten Spannungsabfall von 15 V zugrunde, was mich zu einem Wert von rund 44 Ω führte. Da sich gleichermaßen aber auch eine Verlustleistung von beinahe sechs Watt ergab, musste es schon ein dickerer Widerstand werden.

Zunächst versuchte ich es mit der Parallelschaltung zweier 82 Ω-Widerstände von je 4 W, allerdings wurden diese in der Freiverdrahtung binnen Sekunden so kochend heiß, daß ich eine Alternative suchen musste. In meiner Grabbelkiste für Leistungswiderstände fanden sich zufällig noch zwei Exemplare mit 44,2 Ω und 20 W. Mit der modernen Bauform musste ich leider leben, dafür bot sie aber die Möglichkeit der Verschraubung am Chassis, das mir als Kühlkörper dienen sollte. 

 

Zu einer echten Herausforderung wurde es allerdings, einen Platz für das kleine Biest zu finden. Letzten Endes musste ich in den sauren Apfel beißen und es am entgegengesetzten Ende des Chassis vom Netzschalter unterbringen. Ich verdrillte die Leitungen, um möglichst wenig Brummeinstreuung zu riskieren, aber diese Sorge stellte sich als unbegründet heraus. Um bestehende Löcher nutzen zu können, weitete ich die Montagelöcher des Widerstandes auf.

Den nötigen zusätzlichen Lötstützpunkt baute ich mir selbst in der Nähe des Netzschalters in ein ebenfalls bereits vorhandenes Loch, was etwas Pinzettenakrobatik beim Einfädeln der Schraubenmutter erforderte.

Wichtig war mir, daß auch diese Maßnahme gänzlich reversibel blieb.

Der neu angebrachte Lötstützpunkt.
Der neu angebrachte Lötstützpunkt.
Der mit einem Hauch Wärmeleitpaste am Chassis befestigte Widerstand
Der mit einem Hauch Wärmeleitpaste am Chassis befestigte Widerstand
Die verdrillte blaue Leitung erzeugt zum Glück keine Brummeinstreuung.
Die verdrillte blaue Leitung erzeugt zum Glück keine Brummeinstreuung.

Mit dem Chassis als Kühlkörper pendelt sich der Widerstand auch im Dauerbetrieb bei 50 °C ein, womit ich hochzufrieden bin. Mit diesem Widerstand laufen die Röhren bei 6,5 V, was perfekt ist. Die Anodenspannung liegt aufgrund der neuen Dioden zwar 10 V zu hoch, aber das ist im Toleranzrahmen, zumal davon ausgegangen werden muss, daß die Röhren bereits etwas verbraucht sind.

 

So konnte nun aber ein Probelauf unter den späteren Betriebsbedingungen vorgenommen werden. 

Erster Probelauf des Chassis auf der Werkbank. Hier für Messungen auf der Seite stehend.
Erster Probelauf des Chassis auf der Werkbank. Hier für Messungen auf der Seite stehend.

Zu meiner großen Freude funktionierte alles soweit wie erwartet. 

Bei der Kontrolle der Spannungen an den einzelnen Röhrenelektroden fiel mir allerdings etwas alarmierendes auf: An der EL84 des im Normalbetrieb mit einem Widerstand terminierten rechten Kanals konnte ich am Steuergitter eine positive Spannung von 2,2 V messen. 

Die Gitterspannung sollte gegenüber der Kathode immer negativ, im Extremfall (Röhre komplett durchgesteuert) auf deren Potential liegen, darf aber niemals positiv sein. Für gewöhnlich liegt die Kathode auf einem leicht positiven Potential, sodaß das Gitter gegen das Chassis gemessen neutral erscheint. Ist es hingegen positiv, fließt ein sehr hoher Strom durch die Röhre und die Kathode wird binnen kürzester Zeit zerstört. Teilweise sieht man sogar das Anodenblech rot glühen, weil die einschlagenden Elektroden zu viel Energie eintragen. Manchmal überleben die Röhren das eine Weile, es kann aber auch sein, dass sie in Sekunden das Leben aushauchen. Es ist einer der wenigen sicheren Wege, eine Röhre zu töten. Je nach Stromfluss kann der Ausgangsübertrager dabei auch draufgehen.

 

Der absolute Klassiker ist ein defekter Koppelkondensator, der zu diesem Fehlerbild führt. Deshalb ist er auch das wichtigste Bauteil, das es zuerst auszutauschen gilt. Dieser war im vorliegenden Fall natürlich bereits erneuert. Da man aber auch mal ein defektes Neuteil erwischen kann, lötete ich ihn erneut aus und grillte ihn ein paar Sekunden an 1 kV. Da sich auch unter diesen Bedingungen ein Isolationswiderstand von > 5 MΩ ergab, schied dieser als Fehlerquelle aus. Wer nicht über einen Isolationstester verfügt, kann auch im Betrieb die Röhre ziehen und die Spannung hinter dem Koppelkondensator messen. Ist sie bei diesem Stresstest noch bei 0 V, dann ist der Kondensator in Ordnung. 

 

Da es also nicht am Umfeld der Röhre selbst liegen konnte, steckte ich probeweise mal eine wissend intakte EL84 aus meinem Fundus in das Gerät und siehe da: Die Werte waren normal. 

Ich tauschte die Röhre noch einmal zurück und beim Einschalten des Gerätes sah zunächst auch alles gut aus. Nach einigen Minuten des Betriebes stieg die Gitterspannung allerdings immer weiter an und drehte man den Lautstärkeregler über einen gewissen Punkt, schoß sie schlagartig auf 2,2 V und blieb dann auch dort hängen, ganz gleich, was man tat. 

Um ehrlich zu sein, weiß ich auch nicht genau, was da in der Röhre vorgegangen ist, aber sie war definitiv defekt. Eine andere Röhre verhielt sich nämlich ganz normal. Ich tippe auf irgendeine Art von Gitteremission oder ähnliches, vermutlich ausgelöst duch einen Betrieb ohne den Terminatorwiderstand auf der Rückseite. Die noch im Gerät liegende Röhre, die wie sich zeigte einen Haarriß im Glaskolben hatte, starb vielleicht auch schon an diesem Defekt. Die immense Hitze, die dadurch an der Anode entsteht, kann zu Schäden am Glas führen.

 

Als das Gerät das erste Mal an voller Netzspannung lief, war ich allerdings vom Zustand der EM84 sehr positiv überrascht. So schattig, wie der Schirm aussah, hätte ich eine völlig ausgebrannte Röhre erwartet, aber diese magischen Bänder sind eben doch viel zäher als ihre Vorgänger:

Das magische Band bei voller Anodenspannung.
Das magische Band bei voller Anodenspannung.

Nachdem nun technisch keine Mängel mehr festzustellen waren, ging es an den für mich deutlich unangenehmeren, wenn bei diesem Gerät auch überschaubaren Teil: Die Kosmetik. 

Zunächst versenkte ich alle Knöpfe im Zahnersatzreiniger:

Eine Viertelstunde beseitigt den Dreck von sechzig Jahren.
Eine Viertelstunde beseitigt den Dreck von sechzig Jahren.
Vorher...
Vorher...
...und nachher.
...und nachher.

Da mir die Demontage der teils schon gesprungenen Tasten zu heikel war, reinigte ich sie im eingebauten Zustand mit einem feuchten Wattepad. Das Ergebnis war genauso gut. 

Beim Aussaugen des Gehäuses fand sich auch der übliche Datumsstempel, der auf den 16.07.59 datiert. Es handelt sich somit also um eines der früheren Geräte aus der Serie. 

Das Aussaugen brachte allgemein einen Unterschied wie Tag und Nacht:

Vorher...
Vorher...
...und nachher!
...und nachher!

Wie üblich baute ich auch die Schallwand aus, um den Kunststoffrahmen gesondert reinigen zu können, was ich hier nicht im Einzelnen zeige. 

Zu meiner großen Freude war der Schallwandstoff in makellosem Zustand. Die Montage erfolgt hier recht aufwändig mit zahllosen Schrauben und Klammern. Auch wenn ich den Materialaufwand und die Sorgfalt dieser alten Konstruktionen normalerweise zu loben pflege, drängt sich mir hier die Frage auf, ob man es nicht etwas übertrieben hat...

Die Schallwand in eingebautem Zustand von hinten. Man sieht den Hauptlautsprecher, das Klangregister und den Hochtöner, hier sogar mal elektrodynamisch!
Die Schallwand in eingebautem Zustand von hinten. Man sieht den Hauptlautsprecher, das Klangregister und den Hochtöner, hier sogar mal elektrodynamisch!

Beim Zerlegen der Schallwand fiel das auf, was ich bereits befürchtet hatte: Die Schaumstoffschnur, die den Lautsprecher gegen die Schallwand abdichtet, hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Wie schon in der Vergangenheit ersetzte ich diese durch Filz, wie es viele Hersteller ab Werk schon vorgesehen hatten. Holzleim ist das optimale Mittel dafür:

Die alte, poröse Schaumstoffdichtung.
Die alte, poröse Schaumstoffdichtung.
Die neue Filzdichtung. In den Rundungen muss der Filz eingeschnitten werden, damit er sich vernünftig in die Nut legen lässt.
Die neue Filzdichtung. In den Rundungen muss der Filz eingeschnitten werden, damit er sich vernünftig in die Nut legen lässt.

Immerhin waren die Gummidurchführungen für die Schrauben noch schön geschmeidig. Den als Frequenzweiche fungierenden Elko am Hochtöner ersetzte ich auch. Hier ist darauf zu achten, dass es sich um einen Bipolarelko handelt.

 

Immer wieder beeindruckend ist der Größenunterschied der Elkos im Wandel der Zeit.
Immer wieder beeindruckend ist der Größenunterschied der Elkos im Wandel der Zeit.

Ein echtes Problem waren die Tasten des Klangregisters, die schon mal jemand unsachgemäß abgezogen hatte, was deren Zerstörung nach sich zog. Es fehlten bei zwei Tasten schon die Seitenteile und nur etwas alter Alleskleber hatte sie noch an den Metallzungen gehalten. 

Das vorgeschädigte Klangregister.
Das vorgeschädigte Klangregister.

Ich zog die Tasten ab, reinigte sie und setzte sie wieder auf die Zungen. Auch hier griff ich zum Holzleim. Viele Leute verurteilen mich bis heute dafür, aber ich kann nur sagen: Meine Erfahrungen damit sind bisher immer gut gewesen. Er hält gut genug, altert gut und vor allem: Man kann die Verbindung jederzeit wieder lösen. Gerade an Plastik ist er ohne Rückstände entfernbar. 

 

So blieb nur noch das Gehäuse an sich zu reinigen und zu polieren. Der Lack war bis auf eine Schramme an der rechten Kante makellos, das kann man nicht anders sagen. Ein Abend intensiver Behandlung mit Autolackpolitur feuerten den Glanz noch mal so richtig an. 

Spieglein, Spieglein an der Wand...
Spieglein, Spieglein an der Wand...

Auch die Messingleisten waren noch in famosem Zustand. Ich polierte auch hier kurz noch einmal drüber und das Ergebnis war hervorragend. Natürlich hätte man es noch weiter treiben können, aber dann verlieren die Geräte schnell ihren Charakter, wie ich finde. 

Ich ersetzte noch ein paar zerbröselte Schaumstoffleisten durch Filz und reinigte das Skalenglas. Anschließend konnte dann alles wieder ins Gehäuse einziehen. Die Nasen der Rückwand, die in die Leiste rund ums Gehäuse eingreifen, waren leider ein wenig ausgefranst aber ansonsten war auch die Rückwand in sehr gutem Zustand. Ich montierte alles und war froh, im Probelauf keine Fehler mehr festzustellen. 

Der Netztrafo wird bei langandauerndem Betrieb immer noch wärmer, als es mir lieb ist, aber einen besseren Kompromiss konnte ich leider nicht mehr schaffen. Da das Gerät kein Dauerläufer wird, bin ich diesbezüglich aber nicht sonderlich in Sorge.